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Warum ausgerechnet Düsseldorf

zur häufigen Zielscheibe chauvinistischen Kölner Spottes wird? Wer das wissen will, mag weiter lesen!

 

Was wäre, so frage ich mich in schlaflosen Nächten, wenn ich nicht in Köln sondern in Düsseldorf geboren worden wäre? Ein Alptraum? Ach nein, das dann doch nicht!

 

Ich wäre ja immerhin weiterhin ein Rheinländer, fände gemütliche Lokale mit bürgerlicher Kost, mit gleich gesinnten schwatzhaften Menschen. Das Altbier würde mir schmecken, denn ich wäre ja nichts anderes gewöhnt. Ich wäre zufrieden in einer lebhaften Stadt mit großer kultureller Tradition und einem nennenswertem aktuellen Angebot.

 

Als Düsseldorfer wäre ich stolz auf Robert und Clara Schumann, auf Heinrich Heine und Gustav Gründgens. Bösartige Kölner Bemerkungen, Heine wäre aus Düsseldorf geflohen, Schumann wäre dort schwermütig geworden und Hanns Dieter Hüsch, der Niederrheiner, hätte seinen letzten Wohnsitz trotz des Kommödchens in Köln statt in Düsseldorf genommen, würde ich geflissentlich überhören.

 

Ich würde glauben, in einer ehemaligen herzoglichen Residenz mit feinerer Lebensart zu wohnen, mit weniger groben Sitten und mit noblerem Gehabe als in der Domstadt, die vom Händler-, vielleicht Krämertum und einem mal volksnahen, mal engstirnigen Katholizismus geprägt ist. Blicke man die Archetypen in beiden Städten an: Tünnes und Schäl in Köln - gepaarte Einfalt und Raffinesse -; Schneider Wibbel in Düsseldorf, ein listiger rheinischer Widerständler. Oder man vergleiche den niederrheinischen Schauspieler Paul Henkels (Lehrer „Bömmel" in der Feuerzangenbowle) mit Willi Millowitsch (dem gutmütig naiven „Tünn" auf seiner Bühne und in zahllosen Spielfilmen)!

 

Es sei allerdings der Fairness wegen erwähnt, dass der Vater von Willi Millowitsch in Düsseldorf geboren wurde, wo dessen Vater eine kölnische Bühne betrieb.

 

Es würde mir als Düsseldorfer gut in Düsseldorf gefallen; ich würde die Parkanlagen schätzen, die neue Rheinpromenade, die Begleiterscheinungen einer Landeshauptstadt, die noblen Einkaufsmöglichkeiten auf der Kö! Beim Düsseldorfer Rosenmontagszug würde ich mich an den frecheren und freizügigeren Wagen erfreuen und - wenn ich den Vergleich nicht suchte - könnte ich auch die Düsseldorfer Sitzungen unterhaltsam finden. Außerdem, die Kölner Sitzungen sind ja auch nicht immer lustig!

 

Als Düsseldorfer würde ich mir aber die Frage stellen:
Weshalb werden auf Veranstaltungen in Köln so viele Witze über Düsseldorf gemacht? Etwa der: „Über Köln lacht die Sonne - über Düsseldorf die ganze Welt"? Was haben die Düsseldorfer den Kölnern getan, um solche Bemerkungen hervorzurufen?

 

Benachbarte Ansiedlungen „pflegen" von jeher Animositäten gegeneinander. Man denke an verfeindete Dörfer, wo es zu regelmäßigen Kirmes-Prügeleien kommt, wenn z.B. ein Bursche ein Mädchen aus dem Nachbarort freit. Auch etliche Städte frozzeln sich gegenseitig, denken wir an Bremen und Hamburg, Mannheim und Ludwigshafen oder München und Nürnberg. Vielleicht ist es gerade die Nähe, die eine Abgrenzung zugunsten der eigenen Identität erfordert?

 

Wenn die kleinen Städte am Rande der großen neidisch auf jene blicken, so löst das bei den Großen eher Nachsicht und Mitleid aus. Man kann getrost und mit Gelassenheit von oben herab auf die Kleinen blicken. Aber wehe, wenn der Nachbar ein ernstzunehmender Konkurrent ist!

 

Bergheim, Bergisch Gladbach oder Leverkusen, das sind für Köln keine Konkurrenten; selbst die bedeutenderen Städte Aachen, als Hauptstadt Karls des Großen oder Bonn als ehemalige Bundeshauptstadt machten Köln niemals die Vorherrschaft im Rheinland streitig. Deutlich wird das im kölnangepassten Karnevalsausruf „Alaaf"!

 

Nicht so Düsseldorf mit seinem „Helau". Nicht immer, aber schon lange wagen es die Düsseldorfer am Image der Kölner als Zentrum des Rheinlandes und des Karnevals zu „kratzen".

Jahrhunderte lang war Düsseldorf ein kleines Nest im Norden, mit dem sich die altehrwürdige bedeutende Metropole Köln nicht in einem Atemzug nennen ließ. Selbst als Hauptort des Herzogtums Berg ist Düsseldorf für Historiker erst in der frühen Neuzeit (16. Jahrhundert) am Rande erwähnenswert (vgl. Putzger), und die Geschichte Düsseldorfs ist - ganz im Gegenteil zu derjenigen Kölns - dem Meyers Konversationslexikon von 1895 keine Zeile wert.

Eine historische Verbindung zwischen Köln und Düsseldorf wird erstmals durch die Schlacht von Worringen im Jahre 1288 hergestellt. Irrtümlich wird diese Schlacht, die den Kölnern letztlich die Freiheit von der Herrschaft der Erzbischöfe brachte, als Ursache eines Konfliktes zwischen Köln und Düsseldorf angesehen. Das Gegenteil ist der Fall!


Als nämlich die Kölner vertragsbrüchig gegen den Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg wurden und sich im Limburger Erbfolgestreit auf die Seite des später siegreichen Jan von Brabant und seines Verbündeten Adolf V. von Berg schlugen, verhalf die Niederlage des Erzbischofs den Kölnern zur Stadtfreiheit. Düsseldorf gehörte zu dieser Zeit zum Herzogtum Berg, stand also in der nämlichen Schlacht auf Kölner Seite. Ob aber überhaupt irgendein Bewohner des Dörfchens an der Düssel an der Schlacht beteiligt war und damit die Freiheit Köln gefördert hat, das ist ungewiss. Es ist in den Berichten nur von bergischen Bauern die Rede, die sich um den Sieg auf dem Schlachtfeld verdient gemacht hätten.

 

Je größer nun Düsseldorf in der Folge wurde, umso mehr wuchs sein Selbstbewusstsein gegenüber Köln. Der Prozess verstärkte sich, als nach der Niederlage Napoleons - zuerst in Russland, dann in Waterloo - auf dem Wiener Kongress 1815 das Rheinland - also Städte wie Aachen, Bonn, Düsseldorf, Koblenz, Köln, Trier - zu Preußen kamen.

 

Man kann nicht sagen, dass es in Köln keine Vorbehalte gegen die französische Fremdherrschaft vor den Preußen gab. Gebildete Bürger verurteilten die Plünderung der kirchlichen Kunstschätze. Aber ein regelrechter Widerständler in der Franzosenzeit, wie den Düsseldorfer Schneider Wibbel, brachte die Kölner Fama nicht hervor. Gegen das Preußentum jedoch regte sich in Köln massiver und allgemeiner Widerstand.

 

Mag es am Militärwesen, das mit den Roten Funken später persifliert wurde, mag es am nüchternen Protestantismus der Preußen gelegen haben, die Kölner mochten die Preußen nicht, auch wenn es mit ihnen einen erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung für die Stadt Köln gab.

 

Preußen kränkte die Kölner erheblich. Die Garnisonsstadt Koblenz wurde die Hauptstadt der preußischen Rheinprovinz; Köln verblieb - gleichrangig mit Düsseldorf oder Aachen - nur der Sitz einer preußischen Bezirksregierung. Gegen eine solche Kränkung half auch die Fertigstellung des Domes durch Preußen 1880 als deutsches Monument nicht.

 

In Düsseldorf machte sich die preußische Ära im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Ruhrgebietes, das zum Teil dem Regierungsbezirk Düsseldorf zugehörte und zum anderen der ebenfalls preußischen Provinz Westfalen, mit der man kooperierte, stark bemerkbar. Die Entwicklung Düsseldorfs gegen Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts war beachtlich und dies nicht nur wirtschaftlich, wo man sich als „Schreibtisch des Ruhrgebietes" etablierte. Sie war es auch hinsichtlich moderner Kultur. So konnte man sich mit der alten Stadt Köln in diesen Bereichen durchaus messen.


Aus der Zeit vor 1945 freilich sind aus Köln kaum Hinweise bekannt, die darauf hindeuteten, dass man etwa den Düsseldorfern ihren Stolz auf eine expandierende Wirtschaft, auf prosperierende Geschäftstätigkeit (die Kö!) oder eine interessante Kunst- und Kulturszene geneidet hätte. Bei Schneider-Clauss (im Roman Kölle-Alaaf) beispielsweise wird Düsseldorf selten, jedoch neidlos als Mode- und Kunststadt erwähnt.

 

Was aber den Kölnern wirklich zu schaffen machte, das war die Wahl Düsseldorfs zur Hauptstadt des Landes Nordrhein-Westfalen nach 1945. Zu diesem Affront gesellte sich auch noch das wachsende Selbstbewusstsein der Landeshauptstädter. Nicht nur kulturell (Gründgens, Stroux, Kommödchen) und wirtschaftlich (Flughafen, Messe) wollten sie Köln überflügeln. Ja sogar bei der Einwohnerzahl glaubte man in Düsseldorf das zerbombte Köln erreichen zu können. Als sie sich auch daran machten, karnevalistisch mit Köln gleich zu ziehen, war für die Kölner das Maß voll: Düsseldorf wurde mit Misstrauen betrachtet.

 

Einen Nachklang dieser Kölner Kompensation des Düsseldorfer Aufstiegs erlebt man im Kölner Karneval, sowohl im konventionellen als auch im sogenannten alternativen bis heute. Tiraden auf den Nachbarn im Norden werden losgelassen und vom Publikum bejubelt. Vielleicht braucht eine schlichte Seele zur Unterstützung besinnungsloser Heimatverbundenheit einen Fremden, auf den man - im übertragenen Sinne - eindreschen kann. Der rheinischen Mentalität, weder in Köln noch in Düsseldorf, entspricht ein solches Verhalten aber keineswegs. Sie gebietet Toleranz und Leichtigkeit und der rheinische Humor zielt eigentlich auf Harmonie. Diese erlaubt liebevolle „Kabbelei" durchaus; das Schüren von Konflikten jedoch zählt nicht dazu. So sollten sich die Menschen in beiden Städten nicht wie verbiesterte Streithammel verhalten.


Das tun die meisten nach meiner Beobachtung auch gar nicht. Es handelt sich bei den Protagonisten des Köln-Düsseldorfer-Konflikts oftmals um Bekennungskölner, die irrtümlich glauben, sich auf diese Weise als „wahre" Kölner beweisen zu können. Der wahre Kölner (und Rheinländer - also auch der Düsseldorfer) aber ist liberal: „Jeck loss Jeck elans!"

 

Im übrigen haben sich die Nachkriegsverhältnisse geändert: Düsseldorf ist zwar immer noch die Landeshauptstadt, Köln jedoch hat wirtschaftlich aufgeholt; auch sein Flughafen muss sich hinter Düsseldorf nicht verstecken; die Kölner Messe rangiert immer noch vor Düsseldorf. Kulturell hat Köln bei bildender Kunst, Oper, Schauspiel und Kleinkunst längst mit Düsseldorf gleichgezogen. Die junge Düsseldorfer Universität kann sich mit der altehrwürdigen Alma Mater Köln noch nicht einmal in der Frequentierung messen. Bei der Zahl der Einwohner ist Düsseldorf weit hinter Köln zurückgeblieben. Und was den Karneval anbelangt, können die Kölner befriedigt feststellen: Mag der Düsseldorfer Zug auch manchmal etwas länger als der Kölner sein, Köln hat mehr Zuschauer. Düsseldorfer Sitzungen sind nurmehr ein Abklatsch vergangener Kölner Veranstaltungen. Köln hat einfach den innovativeren Karneval (Geisterzug, Schull- und Veedelszög, Stunksitzung, Divertissementchen usw.). Ganz zu schweigen von den vielen Kölner Musikgruppen, die deutschlandweit berühmt sind!

 

Unvergleichlich ist die emotionale Strahlkraft Kölns ins weite Umland. Menschen aus dem Rhein-Erft-Kreis, sogar aus Wesseling, aus dem Bergischen Kreis oder Leverkusen - manche haben sich heftig gegen die Eingemeindung nach Köln gewehrt - nennen in der Fremde Köln ihre Heimat und sehen mit Tränen in den Augen den Dom als Symbol ihrer Heimkehr an.

 

Kürzlich war ich zu einem 70. Geburtstag in Bedburg an der Erft eingeladen. Keiner der zahlreichen Festgäste (außer mir) war in Köln geboren. Es trat ein Duo mit Ostermann-Liedern auf und es wurde gefühlvoll gesungen: „Wenn ich su an ming Heimat denke ...". Können Sie sich, liebe Leser vorstellen, in Langenfeld, Benrath, Neuss oder Meerbusch feiern Menschen (die nicht aus Düsseldorf stammen) ein Familienfest und singen schunkelnd: „Am alten Schlossturm ..."? Ich kann mir das nicht vorstellen. Dat jitt es nur öm Kölle eröm!

 

Angesichts der geklärten rheinischen Machtverhältnisse müssen die Kölner ihren Neid auf die Landeshauptstädter vergessen, deren feinere Lebensart und liberaleren Geist anerkennen und die eigene Mentalität als etwas deftiger und grober akzeptieren. Die Düsseldorf müssen sich damit abfinden, dass die Kölner in der unbestreitbaren, weil historisch fundierten Rheinmetropole und in der bedeutenderen Stadt leben. Sie sollten die Kölner Volkstümlichkeit, die sich auch im Karneval zeigt, nicht gequält kopieren. Vor allem müssen die Düsseldorfer wissen: Mit dem FC kann niemand und schon gar nicht die Fortuna mithalten. Und um die kulturelle Bedeutung schließlich, was die Theater, Oper, Galerien, Museen usw. angeht, sollen sich die beiden Städte auch ferner streiten - Konkurrenz belebt eben das Geschäft!

 

Es ist mit Köln und Düsseldorf eben wie mit speziellen Frauen:
Die eine befindet sich in den besten Jahren, sie ist lebenserfahren und gereift. Gerade das macht ihren Charme und ihre Attraktivität aus.

Die andere ist jünger, sie versprüht die Frische und Naivität der Jugend und wirkt von daher anziehend.
Die eine sollte sich nicht „aufdonnern" und auf jugendlich trimmen und die andere sollte nicht Sicherheit und Erfahrung vortäuschen. Beides wirkt eigentlich nur peinlich!
Liebenswert sind beide Frauen oder - in unserem Falle - beide Städte. Seien wir doch glücklich, dass wir in unserer Region solche Städte vorzeigen können!


Literatur

Jürgen Bennack: Kölner Mentalität - „Wie mer esu woodte, wie mer hück sin, Köln 2005
Ders.: Sancta Colonia, Betrachtungen über "Et hillije Kölle", Köln 2007
Ders.: Kölner Humor - „Et Levve levve künne", Siegburg 2009
Heinrich Lützeler: Philosophie des kölner Humors, Erweiterte Auflage, Hanau/Main 1959

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